Kampf im Aquarium

Mein Aquarium ist klein, so klein, dass nicht einmal ein Hecht drin schwimmen kann. Den einzigen Bewohner, der sich zwischen Wasserpflanzen und Muscheln tummelt, habe ich Seeräuber getauft.
 Nicht mit Unrecht, denn dieser Fisch von schwarzer Farbe hat einen nach allen Seiten stachlig auseinanderstrebenden Bart, zwei große, runde Augen, die sich wie ein Kugellager bewegen, und einen unförmigen Kopf. Der Körper verjüngt sich nach hinten, endet in einem spitzen Schwanz. Aber seine Natur rechtfertigt noch mehr als sein Äußeres die Bezeichnung Räuber. Zwei Goldfische hatte ich ihm einmal beigesellt. Sie schwammen, zufrieden über ihren geräumigen Aufenthalt, in dem grünlichen Wasser, erfreuten mich durch ihre goldene Farbe und ihre anmutigen Bewegungen. Streute ich ihnen Futter, so kamen sie sofort an die Oberfläche geschwommen und holten es sich.
 Dem Seeräuber aber passte diese Gesellschaft nicht. Mit unaufhörlich kreisenden Augen verfolgte er ihre Bewegungen, blieb dabei faul auf dem Sande liegen. Die Goldfische schienen sich seiner Gefährlichkeit nicht bewusst, lebten sorglos ihr Fischdasein weiter.
 Aber eines Tages kam der größere von ihnen dem Seeräuber zu nahe und erlitt eine gefährliche Verletzung, die ihn am nächsten Morgen leblos auf dem Rücken treiben ließ. Ich entfernte das tote Fischlein, voller Zorn auf den Mordgesellen mit dem Stachelbart.
 Als ich am nächsten Morgen nach dem kleinen Goldfisch sehen wollte, war dieser verschwunden. Es bestand keine andere Möglichkeit, als dass er im Bauche des Seeräubers verdaut wurde. Der hatte es sich nun gründlich mit mir verscherzt, und ich ließ ihn fortan allein, verkürzte auch seine Futterration.
 Das ging so vierzehn Tage. Selten nur, dass der Seeräuber herumschwamm. Die meiste Zeit lag er auf dem Grund, wühlte mit seinem dicken Kopfe im Sande herum.
 Wenig später brachte mir ein barfüßiger Junge ein Glas voll kleiner, silberglänzender Fische, die kaum zolllang waren. Für dieses ganze Volk, das ungefähr 50 Köpfe zählte, verlangte er 20 Pfennig, die ich ihm auch gerne gab.
 Was sich nun im Aquarium abspielte, erregte mein höchstes Interesse. Als der Seeräuber die neue Einquartierung bemerkte, schwamm er so wütend herum, dass die Silberfische in alle Richtungen vor ihm davonstoben. Stundenlang saß ich vor dem Glas und beobachtete die Vorgänge. Der Seeräuber hatte wieder Fressgelüste bekommen, schnappte nach den kleinen Fischen. Einen nach dem anderen ließ er in seinen Rachen verschwinden, ungefähr acht bis zehn Stück.
 
Die Kleinen hatten sich nun alle auf einer Seite des Aquariums gesammelt; es sah aus, als hielten sie eine Beratung ab. Einer löste sich von dem Schwarm, schwamm in Nähe des Seeräubers. Der schnappte nach ihm, erwischte ihn aber nicht. Im Nu hatten sich die anderen Fische, geschlossen wie eine Heeresmacht, auf ihn gestürzt, stießen mit ihren kleinen Schnauzen gegen seinen Körper vor. Von allen Seiten eingekreist und gebissen blieb dem Dicken nichts anderes als Flucht übrig. Die Schar der Kleinen jagte ihn, ließ ihm keine Ruhe. Bis sie endlich von ihm abließen und sich wieder in eine Ecke zurückzogen.
 Schweratmend lag der Seeräuber auf dem Grund, seine Kugelaugen starrten, gehässig fast, zu ihnen herüber. Nicht lange ließen sie ihm Ruhe, dann begannen sie einen neuen Angriff. Ihr Kampfgeist übertrug sich auf mich. Ich wünschte ihnen vollen Erfolg. Zwei Stunden dauerte der erbarmungslose Kampf, der Seeräuber konnte seine Steuerflosse nicht mehr gebrauchen, machte nur noch schwache Schwimmbewegungen. Verzweifelt wehrte er sich gegen die Feinde, die er einzeln verschlungen hätte, gegen die er aber in ihrer geschlossenen Front nichts ausrichten konnte.
 Die letzte Phase des Kampfes sah ihn den Kopf in den Sand bohren und mit seinem Körper starke Schläge nach allen Seiten austeilen. Geschickt wichen die Kleinen den Schlägen aus, erlahmten nicht in der Wiederholung ihres Angriffs. Immer langsamer wurden die Abwehrbewegungen des Seeräubers, bis er schließlich reglos auf dem Sande lag. Eine silberglänzende, leuchtende Wolke, so fielen jetzt die winzigen Fische über ihn her, deckten ihn mit ihren Leibern vollständig zu.
 Am nächsten Morgen trieb er auf dem Rücken, tot wie einst der schöne Goldfisch, den er tödlich verwundet hatte. Ich nahm ihn aus dem Wasser und warf ihn ins Feuer. Mitleid mit ihm empfand ich nicht.
Bruno Gluchowski

Welche Aussage stimmt und kann mit dem Text begründet werden!

 

 

Textarbeit

Thema: Textarbeit
 

Übung 3

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